Eine kleine Führung durch die Welt der Elektromusik-Klangerzeuger | Teil 12: "KRAFTWERK zum Anfassen" - Die Kling Klang Maschine

Für manche KRAFTWERK-Fans überraschend, für andere längst erwartet (denn hin und wieder war schon mal die Rede gewesen von einem, von KRAFTWERK selbst entwickelten Computerprogramm mit den Original-Sounds, das sich zudem selbst steuern kann) kam am 11.3.11 ein neues, offizielles Konsumprodukt der Düsseldorfer Elektronikpioniere um Ralf Hütter auf den internationalen Markt. Kein Musikalbum sondern eine Musikmaschine: die "Kling Klang Machine No. 1".

Nutzen können sie Besitzer eines Apple iPones, iPads oder eines iPod Touch der neueren Generation, was beinhaltet, dass es die KKM im App-Store zu kaufen gibt und das zu einem zivilen Preis von 6,99 Euro. Wer aber glaubt, damit automatisch zum kreativen "Musikant mit Telefon in seiner Hand" zu werden, der dürfte von der "Kling Klang Maschine" ein wenig enttäuscht sein, denn ihre kreative Benutzung setzt schon ein wenig Interesse an Aufbau und Wirkungsweise der Klangerzeugung voraus, wie mir Fritz Hilpert (Foto links) verriet, der die KKM zusammen mit seinem KRAFTWERK-Chef Ralf Hütter und dem amerikanischen Audiokonzeptionalist Norman Fairbanks entwickelte (siehe Nachtrag zu diesem Artikel mit Fotos). Und Fairbanks Liebe zum Tenori-On von Yahama hat die Sequencer-Matrix der "KKM No. 1" wohl auch ihr Aussehen zu verdanken: 16 x 16 Kontrollfelder.

Ich habe die "Kling Klang Maschine Nr. 1" im Sommer erworben und erstmals im November 2011 live zusammen mit meinem iPod Touch 3 eingesetzt. In der Tat ist dies eine intelligente Musikapplikation, welche mehr oder weniger musikalische Klangbilder in Abhängigkeit von Uhrzeit und Weltzeitzone eigenständig zu jeder Sekunde aufs Neue generiert, wobei die Interaktion des Nutzers die stetige Beeinflussng des Klangergebnisses erlaubt. So können immer neue Variationen des jeweiligen Zeitzonenklanges erzeugt werden.

Zur Klangbeeinflussung stehen grundsätzlich einige Klangeffekte aus dem KRAFTWERK-Imperium zur Verfügung, wie Reverb und Echos, und ein Spezialeffekt, der jeweils von der gewählten Zeitzone abhängig ist. Außerdem können Tonhöhe, Geschwindigkeit und Lautstärke des Klangerlebnisses beeinflusst werden. Dies alles geschieht über eine Bedienungsmatrix oder (wahlweise) über eine KRAFTWERK-Computeranimation, bei der man über die Höhen/Längen-Achse eines Bedienungspunktes zumindest Tonhöhe und Geschwindigkeit des Klangablaufs beeinflussen kann.

Dies alles ist, wenn man sich nicht die Zeit und Muße nimmt, die "Kling Klang Machine" zu erkunden, ziemlich willkürlich und doch bietet einem die KKM einige durchaus kreative Möglichkeiten zur planmäßigen musikaischen Arbeit. So sogt eine weitere Matrix in der Art eines mehrspurigen 16-Step-Sequencers für viel Freunde. zwar kann man den Zufallsgenerator "auto"-matisch arbeiten lassen, doch lässt sich dieser auch abschalten und/oder in den "loop"-Modus bringen. Nun gilt es nur noch die Zeitzone auszuwählen, die einem eine planmäßige Progammierung anbietet.

Als Beispiel seien hier meine, "Schrittmacher"-Sound getaufte, rhytmische Klangkreation genannt (siehe Foto rechts), erstellt für die "6 Uhr"-Zone mit einem Klangbild, das man von KRAFTWERKS "Elektro Kardiogramm" her kennt, oder die 13 Uhr Zone, bei der Norman Fairbanks eine Hommage an Brian Eno gewählt hat. Mit ein wenig Arbeit bekommt man so viele beeindruckende Musikergebnisse zustande, die man durchaus im Livespiel verwenden kann. Wer es experimenteller mag, dem seien die "20 Uhr"-Zone empfohlen mit Telefon-Sounds oder die "Eventide"-Zone, nur eine Stunde später, die einem wunderbarste Extrem-Harmonizing Sounds zur Verfügung stellt.

Einziger Nachteil der Arbeit mit KRAFTWERKS "Kling Klang Machine": diese App verbraucht (im Vergleich mit anderen Apps) relativ viel Strom des jeweiligen Apple-Akkus und das sollte man beachten, bevor man auf Reisen mit der KKM spielt. Schon nach weniger als zwei Stunden kann dann nämlich Schluss sein mit einem der innovativsten Musikerlebnisse, die einem Apple Produkte bieten können.


NACHTRAG:

Norman Fairbanks wurde zu einer Zeit geboren, als Menschen begannen, große und schwere Synthesizer zu nutzen, um Klänge und Lärm zu erzeugen. Nach vielen Jahren, in der er sich ausschließlich für klassische Musik interessierte, begann Norman Fairbanks auch dafür zu interessieren, wie man (ähnlich den Methoden, die Pierre Schaffer Jahre zuvor bereits angewandt hatte) Klangbilder durch gezielte Kombinationen von Sprache, Ton und Störgeräusch-Elementen umgestalten kann. Seine Arbeit "One America Second" zeigt Fairbeanks Experiente in beeindruckender Weise.

Heute arbeitet Norman Fairbanks als Audio-Konzept-Künstler an dem Ziel, aus dem riesigen Panoptikum der modernen Medien Audio-Artefakte auszuwählen oder spezifische erzeugte elektro-akustische Geräuschelemente zu entwickeln. Entsprechende Ergebnisse seiner Arbeit wurden in das Soundspektrum der "Kling Klang Machine" integriert.

Fairbanks drückt das so aus: "Das Konzept der modernen Medien hat sich zu einem schicken, aber sehr intransparenten Arboretum entwickelt, das allein dem Ziel verpflichtet ist, unser Gehirn in jedem einzelnen Moment zu manipulieren. Aber es gibt auch immer noch die wahre Freude in einem Strom von vorgefertigten Informationen zu entdecken, wenn man es versteht, sich auf bestimmte Audio-Experimente einzulassen um schließlich neue Kunstformen zu finden."

Norman Fairbanks ist übrigens bekennender "Tenori-On"-Fan (siehe Foto rechts) und hat mit "7 Days Microsleep" das erste Album veröffentlicht, das komplett mit dem viereckigen YAMAHA Synthesizer eingespielt wurde.

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