"Synthesizer selbst gebaut" - Ein kleiner Software-Kochkurs von und mit Karl "Charly" Steinberg und Manfred Rürup


Vor dreißig Jahren traf ich auf der Frankfurter Musikmesse Reinhard "Lacky" Lakomy (siehe Foto links), der damals gerade (aus politischen Gründen) von seiner sängerischen Erfolgskarriere auf Instrumentalmusik hatte umsatteln müssen und für die VERMONA Musikelektronik-Abteilung des VEB Klingenthaler Harmonikawerke einen digitalen Sequenzer entworfen und gebaut hatte. Lakomy war stolz auf das, was im Mangel der DDR mit Erfindergeist und handwerklichem Geschick trotzdem möglich war und führte mich im Februar 1982 über eine Stunde lang durch den DeMuSa*-Stand und zeigte mir die Neuheiten; später erinnerte ich mich sehr an ihn und spielte seine Platten immer wieder beim hr. 
Das war in einer Elektromusik-Welt, in der es noch keinen MIDI**-Standard gab. Gerade erst war das MIDI-Protokoll von "Sequential Circuits" Superhirn Dave Smith für die "Audio Engineering Society" entwickelt worden und wurde erst ein Jahr später auf der NAMM-Show 1983 in Anaheim/USA, vorgestellt. Auch die Heimcomputer-Technologie steckte zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen; gerade schickte sich der Commodore 64 an, die Musikwelt zu erobern und Atari brachte den ST Homecomputer heraus.

Zu dieser Zeit trafen sich Manfred Rürup (vom "Release Music Orchstra") und der Musiker und Toningenieur Karl "Charlie" Steinberg ("Törner Stier Crew" / siehe Foto rechts) in Hamburg bei einer Aufnahme-Session. Rürup, ein in der Musikszene bereits etablierter professioneller Keyboarder, und Steinberg erkannten schnell, dass sie ein gemeinsames Interesse daran hatten, die Möglichkeiten von Computern in der Musikproduktion mit denen von Synthesizern zu verbinden. In der angekündigten MIDI-Technologie sahen sie eine Fortentwicklung der Musikbranche voraus und entwickelten gemeinsam innerhalb eines Jahres das Konzept für eine revolutionäre Software: den MIDI-Mehrspur-Sequenzer.
1984 brachte die, von Rürup und Steinberg gegründete, Steinberg Media Research GmbH mit dem legendären "Pro-16" Sequenzer für den Commodore 64 das erste Software-Produkt auf den Markt, das den Namen "Steinberg" trug. Anknüpfend an weitere, mehrjährige intensive Forschung und Entwicklung, erschien 1989 eine Nachfolgesoftware für den Atari ST sowie PCs mit Microsoft Betriebssoftware und den Apple Macintosh Computer, die einer ganzen Generation von Musikern dazu verhelfen sollte, ihre Musik nicht mehr ausschließlich in teuren Musikstudios aufzunehmen, sondern zuhause vorzubereiten oder ganz herzustellen. Ihr Name war ursprünglich "Cubit", wurde aber aus Gründen des Copyrights bald in "Cubase" abgeändert.

Auf Cubase 1.0 folgten mehrere, deutlich leistungsfähigere, Versionen, die 1996 einen neuen Höhepunkt erfuhren, als Steinberg eine andere Hamburger Entwicklung, und zwar die von Wolfgang Palm (PPG) für seine Wavecomputer bzw. das Waveterm initiierte Wavetable Software, als "Virtual Studio Technology"/VST in Cubase integrierte.

Cubase VST war damit die erste native Software, die in der Lage war, nicht nur virtuelle Musikinstrumentenstimmen in eine Echtzeit-Studioumgebung einzubinden, sondern auch Soundeffekte wie Equalizer, elektronische Mischpulte und Fader-Automation zu integrieren. Mit einem Apple Macintosh konnten so bis zu  24 Audiospuren gleichzeitig mit einer unbegrenzten Anzahl von MIDI-Tracks gespielt werden.

Karl "Charly" Steinberg gründete in dieser Zeit eine eigene Band namens "Kahle Mönche", deren Musiker in verschiedenen Städten Deutschlands lebten und arbeiteten, aber, dank verschiedener Internet-Technologien*** ihre musikalischen Beiträge gleichzeitig und gemeinsam erstellen konnten. Entwickelt wurden diese Technologien von ihm und Manfred Rürup.

Die Steinberg Media Technologies GmbH befindet sich seit 2004 im Besitz der japanischen Firma Yamaha. Rürup und Steinberg haben inzwischen eine gemeinsame Firma und sind immer noch im Besitz von Anteilen an Steinberg MT; beide sind heute Multimillionäre.

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* = Abkürzung für die "Deutsche Musikinstrumente- und Spielwaren Außenhandelsgesellschaft mbH" aus Berlin

** = englische Abkürzung für: Musical Instrument Digital Interface / Digitale Schnittstelle für Musikinstrumente
*** = Mit dem "Digital Musician Recorder" von www.digitalmusician.net entwickelten Karl Steinberg und Manfred Rürup einen kostenlosen Audiorecorder, der es erlaubt in Echtzeit über eine Internetverbindung mehrstimmige Musik aufzunehmen

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