1977: Ein Jahr, das mich völlig aus der Bahn warf und mein weiteres Leben veränderte (Teil 1)

Ich weiß, dass es ungewöhnlich scheint, hier vordergründig nichts spezielles zu Elektromusik oder -musiker zu schreiben, aber dieses Mal geht es mir um ein Jahr: das Jahr 1977. Gerade dieses Jahr ist mir wichtig, denn es war reich an Ereignissen und hielt der späteren Zeit einige Anspielungen auf sich selbst verborgen. Vor allem hat mich dieses Jahr vom Grunde auf verändert und deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, hier etwas über dieses Jahr zu schreiben, um nicht zu sagen: ich halte es für meine Pflicht.

1977 ist wie eine Puzzle, wobei sich Halluzination und Realität als gleiche und doch unterschiedliche Partner gegenüberstehen. Das Jahr beginnt mit einem Weihnachtssong der Gruppe CAN, „Silent Night“, der über die Feiertage ins neue Jahr hinüberschwappte.

Ich war damals gerade volljährig geworden, mein aktueller Musikgeschmack war vielseitig (angefangen bei Aaron Coplands Ballettmusik „Billy The Kid“, die ich „rauf und runter“ hörte, über zwei Live-Doppel-LPs, die ich mir zu Weihnachten gewünscht hatte - „’n Abend“ von Ulrich Roski und „Before The Flood“ von Bob Dylan and The Band - bis hin zum Klaus Schulze Album "Moondawn" und dem, in Kunstkopf Stereophonie aufgenommenen CAN Album „Flow Motion“, das im Herbst erschienen war und welches mir zu meinem 18. Geburtstag am 1. Dezember geschenkt worden war) und meine erste eigene Band, die Folk-Elektronic-Rock-Combo „Melvin Dawson And Friends“ war auf den Weg gebracht...mit mir als Melvin Dawson.

Gerade volljährig geworden waren neben meiner Arbeit und der Musik Kinobesuche an der Tagesordnung, wobei ich ja nun - Anfang 1977 - auch offiziell in Erwachsenenfilme gehen durfte, was ich auch tat. Ich schaute mir zum Beispiel im "Roxy"-Filmtheater in Offenbach am Main „Body Love“ an von Lasse Braun, nicht nur wegen des Soundtracks, den Klaus Schulze hierfür aufgenommen und im Februar 1977 veröffentlicht hatte.

Meinen ersten eigenen Synthesizer, betitelt: CX-5, hatte ich bereits im Sommer 1976 aus verschiedenen Komponenten von KOSMOS Elektronikbaukästen und Tonmessgeräten sowie einem alten Radio zusammengebaut und mit ihm machte ich im Dezember 1976 und Januar 1977 auf meinen GRUNDIG Tonbandgeräten mit HIlfe des GUYATONE Verstärkers mit Vibrato und Federhall, interessante Klangaufnahmen, bei denen ich auch einen Digitaluhr, ein Elektronik-Blitzgerät und einen SANTRON Taschenrechner mitwirken ließ.

Im Februar 1977 hatte ich genug Geld zusammen um mir eine defekte HOHNER Organetta 49R Elektronik-Orgel zu kaufen, die ich fortan in meine Klangexperimente mit einbaute, denn ich wollte endlich musikalisch so (oder zumindest so ähnlich) klingen wie Klaus Schulze, den ich seit „Picture Music“, „Timewind“ und“Moondawn“ verehrte. Ende Februar trieb mich aber eine schwere Angina ins Fieber und meine Eltern, bei denen ich zu dieser Zeit noch wohnte, machten mir ein außergewöhnliches und nicht zu erwartendes Geschenk.

Da ich zwei Wochen ans Bett gefesselt war, hatten sie mir die gerade erschienene KRAFTWERK LP „Trans Europa Express“ gekauft. „Du magst doch KRAFTWERK“, sagte meine Mutter, als sie mir die Platte gab und das stimmte wohl. Schon im Herbst 1972 hatte ich „Kraftwerk 1“ und „Kraftwerk 2“ gehört, 1973 das dritte Album, 1975 hatte ich mir mit „Autobahn“ die erste eigene KRAFTWERK LP zugelegt. Und mit Stolz bemerkte ich während unseres Frankreich-Urlaubs im Sommer 1975, dass die Single „Radioaktivität“ dort auf Platz 1 der französischen Charts gestiegen war, hörte das gleichnamige Album nun umso lieber, und jetzt war ich also unverhofft an „Trans Europa Express“ gekommen.

Das Album „Trans Europa Express“ ist ein Traum, eine Illusion, aber nicht in dem üblichen, billigen Sinne des Wortes - es ist ein Möbiusband, eine Escher Malerei, eine Fuge von Bach: Es trotzt wacher Logik und doch erscheint das Album dem Hörer bemerkenswert vollständig und nahtlos was schon irgendwie surreal wirkt, denn inmitten einer Zugfahrt findet man sich in einem Spiegelsaal wieder, begleitet Schaufensterpuppen, bei deren Trip durch die Stadt und begegnet Franz Schubert. Von Anfang an wusste ich aber, dass dieses Album etwas Großes war und in meinen Fieber-Phantasien der schweren Angina, wurde mir absolut klar, dass dieses Album in der späteren Musikgeschichte einen ebensolche Rolle spielen würde, wie „Sgt. Pepper“ von den Beatles oder „Tubular Bells“ von Mike Oldfield. Auch wenn das Fiebr von damals heute lange vergangen ist, lag ich in meiner euphorischen Einschätzung von damals aus heutiger Sicht doch gar nicht so schlecht.

Im weiteren Verlauf des Frühjahrs nahm ich die Musik für drei Alben auf - so nannte ich damals meine Compact-Cassetten, die ich wie kleine Langspielplatten aufnahm, mischte und im Freundeskreis des „Musikclub Schlachthof“ in Offenbach am Main veröffentlichte. Über Michaela, eine Arbeitskollegin, kam ich in Kontakt mit der lokal erfolgreichen Band APRIL, die nicht im Musikclub probte sondern in Mühlheim am Main, und wurde deren „Mann für alle Fälle“. Das heißt: ich nahm die Konzerte auf, spielte Percussion und Tambourin, fühlte mich ein wenig wie Brian Eno bei „Roxy Music“, weil ich bei dem Livegigs von meinem Stereo-Tapedeck Bänder mit Geräuschen zuspielen durfte und der Opener eines jeden APRIL-Konzertes gehörte mir: ich spielte dem auf Rockmusik wartenden Publikum „The Open Prairie“ ein, die Schluss-Szene aus Coplands „Billy The Kid“.

Für mich neu und erstaunlich war es, dass sogar ich - der Sideman und wahrlich kein Rock'n'Roller - nach den Auftritten Frauen kennenlernte. An drei von Ihnen erinnere ich mich noch heute...und dadurch auch an „Don't Let Me Be Misunderstood“ in der Disco-Version des Sommers 1977 von SANTA ESMERALDA. Und eine von Ihnen brachte mich zum ersten Mal ins Radio. Henning Venske interviewte mich eines Sonntag Abends live im Hessischen Rundfunk auf hr3.

Der echte Brian Eno war zur gleichen Zeit in Berlin und nahm zusammen mit Ex-T. Rex Produzent Tony Visconti zwei Schallplatten von und mit David Bowie auf: „Low“ und „Heroes“. „Low“ hatte ich mir im März 1977 gekauft, nachdem Bowies Single „Sound And Vision“ in die Hitparaden eingestiegen war. Darüber, dass mich die Eno/Bowie-Komposition „Warszawa” tief beeindruckte und prägte, brauche ich hier kein weiteres Wort zu verlieren.

[...to be continued...]

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