Rainer Sauer: "Wie und weshalb man mit iPad / iPhone / iPod Elektromusik machen kann und sollte" (Teil 1)

Nun, ich wollte meine Artikelserie zu Elektromusik-Apps für das iPad, das iPhone und den iPod Touch ganz anders beginnen, als ich es nun hier mache, wollte "in medias res" gehen und gleich zu Beginn einige, bekannten Elektromusikinstrumenten vergleichbare, iP-Apps vorstellen. Doch in den letzten Tagen haben mich viele Zuschriften erreicht zu iP-Apps, die Brian Eno mitentwickelt hat oder die sich auf die Arbeit von Brian Eno beziehen, so dass ich auch mit diesen Apps beginne.

Um es vorweg zunehmen: iPad, iPhone oder iPod sind hervorragende elektronische Plattformen, mit denen ein Benutzer viele Dinge machen kann, wobei bei jeder dieser Gerätearten nicht die Elektromusik im Fokus steht sondern im Grunde etwas anderes. Das iPad ist ein wunderbares Vehikel um jederzeit das Internet zu erkunden, das iPhone ist nach wie vor vor allem ein Gerät zum Telefonieren und der iPod Touch soll in sich eine statische Musiksammlung beherbergen.

Durch stetige Weiterentwicklung der iOS Software durch Apple, ähneln sich diese drei Geräteformen jedoch inzwischen elektronisch recht stark. Und sie haben eines gemeinsam: alle drei verfügen über berührungsempfindliche Bildschirme. Vor einiger Zeit taten sich der Sound-Guru und Erfinder der "Ambient"-Musik, Brian Eno, und der Computersoftwarespezialist und Multiinstrumentalist Peter Chilvers zusammen um Apps (also: Applikations- oder Anwendersoftware) für Apple-Kleingeräte zu entwickeln. Ihre gemeinsame Firma nannten sie "Opal Ltd.".

Der Ansatz der Zusammenarbeit bildete die Liebe beider Musiker zu ruhigen Klangcollagen, weshalb sie entschieden, dass dies die Zielrichtung der zu entwickelnden Apps sein sollte. Und noch etwas verband Eno und Chilvers: die Liebe beider Künstler zu Malerei und computergrafischen Elementen. Also wurden die von Brian Eno und Peter Chilvers entwickelten Apps keine reinen Musikerzeugungsprogramme sondern sind stets auch ein Ausflug in die optischen Bereiche der Kunst.

Im Oktober 2008 war BLOOM soweit, dass sie als iPhone / iPodTouch App in das iTunes-Store eingestellt werden konnte. Auf BLOOM folgte im Herbst 2009 mit TROPE ebenfalls eine iPhone / iPodTouch App. Peter Chilvers veröffentlichte gegen Ende 2009 mit AIR eine App, die er (zwar basierend auf Konzepten von Brian Eno, die dieser für sein Album "Music For AIrports" aus dem Jahre 1978 entwickelt hatte) ohne Eno realisierte, dafür aber mit der Sängerin Sandra O’Neill, die ihre Stimme für das Projekt zur Verfügung stellte.

Die einzelnen Apps sind nicht schwierig sonden einfach und intuitiv zu benutzen und zu bedienen. Allerdings ist es schon von Wichtigkeit, dass man grundlegende Dinge über die zu erzeugenden Klangbilder weiß bzw. sich Gedanken gemacht hat, auf was es einem als Nutzer und Erzeuger der BLOOM, TROPE oder AIR Musik ankommt. Ansonsten könnte man auch den jeweiligen Zufallsgenerator laufen lassen und sich einfach an dem erfereuen, was man als Ergebnis hört.

In allen drei Apps spielen Klanghintergründe eine Rolle, stets ist ein Pianoklang dominierend und - egal ob beim eher düsteren TROPE, beim luftig-leichten AIR oder dem verspielten BLOOM - die Wiederholung, sprich: Repetition, der gespielten Elemente in unregelmäßigen Abständen wird jeweils um einige Lautstärkekomponenten vermindert wiedergegeben (= der sog. "Frippertronik"-Effekt).

Ab 2010 arbeiteten Eno und Chilvers dann wieder gemeinsam an neuen Apps, dieses Mal aber für das iPad. So erschien im Sommer 2010 eine HD-Version von BLOOM für das iPad und im August 2012 folgte mit SCAPE eine wirkliche Neuentwicklung, bei der man mit Hilfe von "Scapes" getauften Sound-Hintergründen und verschiedenen, beliebig wählbaren, Klangelementen "Ambient"-Musik erschaffen kann, die "eigenständig denkt", wie es die Entwickler ausdrücken.

Zudem ist SCAPE eine Art elektronisches Musik-Album, das dem Benutzern tief greifende Kontrolle über alle musikalischen Elemente bietet. Die mit SCAPE erstellten Musikalben sind keinesfalls statisch sondern man kann als Benutzer die einzelnen bestandteile (= Musikstücke, Klangfragmente) nahezu unendlich neu kombinieren, denn die verhalten sich in ihrer Interaktion intelligent: Das heißt: sie reagieren aufeinander, ändern gemeinsam ihre Stimmung und schaffen so ständig neue Klangwelten.

Aber "Können Maschinen überhaupt selbstständig Musik erschaffen?" fragen Eno und Chilvers ihre App-Nutzer. SCAPE ist nach Ansicht von Brian Eno die passende Antwort auf diese Frage: "Es greift auf Klänge, Kompositionsabläufe und -regeln zurück, die wir seit Jahren benutzen und verwendet diese für neue Kombinationen, um ganz neue Musik zu erschaffen. SCAPE erschafft Musik, die eigenständig denkt", sagte er.

Um es Musikanfängern mit SCAPE nicht allzu schwer zu machen, enthält das Programm beim Start 15 originale Scapes, die Brian Eno und Peter Chilvers erstellt haben. Diese (oder alle späteren eigenen Scapes) können in sog. Galerien gespeichert und zu Playlists arrangiert werden.

Wer trotzdem mit der SCAPE Soundstruktur etwas überfodert ist, der kann per Zufallsgenerator Scapes erschaffen lassen. Ein schöner Nebeneffekt des Programms ist die Möglichkeit, die eigenen Scapes per E-Mail an andere SCAPE Nutzer zu versenden. SCAPE nutze ich auf einem iPad der 1. Generation; nach dem Update vom September 2012 (Version 1.0.1 - prevents crash on start up) funktioniert es dort fehlerfrei.

[Ende von Teil 1]

Hinweis: Durch Anklicken der einzelnen Abbildungen kann man Kompositionen abrufen, die ich 2012 live mit einem iPhone 4 bzw. einem iPodTouch/2. Generation (und sonst keinem weiteren Elektromusikinstrument) sowie der entsprechenden App eingespielt habe. Grundsätzlich belegt dies, dass die Apps auf allen Apple iPhones bzw. iPods ab der 2. generation fehlerfrei funktionieren. Viel Spaß beim Anhören!

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