"El Duende. Das ist der Geist, der die Musik durchdringt!": Rainer Sauer beim "Electronic Circus 2013" in Gütersloh

Rainer Sauer kam als Science-Fiction- und Weltraumfahrt-Fan zur Elektronischen Musik - vor beinahe 40 Jahren war das. Gerade einmal 15 Jahre alt, baute er sich seinen ersten eigenen Synthesizer, mit 25 hatte er eine Schallplatte in den MELODY MAKER Charts, mit 35 war er von West- nach Ostdeutschland gezogen um dort Neues zu entdeckenn, mit 45 trat er mit Heinz Rudolf Kunze auf und machte literarisches Kaberett und nun, im Alter von 55 Jahren, ist er wieder fest in der Elektromusik verwurzelt. Mike Hiemann traf ihn in Essen im "Hotel Franz", wo er sich auf drei Mini-Gigs beim Ambient -und Elektromusik-Festival "Electronic Circus" vorbereitete und führte ein interessantes Gespräch mit ihm.

(Zum Aufruf der Offitziellen Webseite von Rainer Sauer bitte auf das Foto klicken!)

MH: Sie waren vor Kurzem bei der "Star Wars Celebraton Europe" in Essen auf Einladung der Veranstalter. Jetzt sind sie wieder in Essen und proben für den "Electronic Circus" Anfang Oktober in Gütersloh. Gibt es eine Verbindung zwischen Science-Fiction-Filmen und Elektromusik?

Sauer: Diese Verbindung gibt es schon seit vier Jahrzehnten. Mag sein, dass durch die Entwicklung neuer Sounds heute alles für die Menschen ein wenig interessanter geworden ist.

Aber hat sich nicht auch die Firmmusik an sich verändert. Ich meine damit nicht nur, dass heute Leute wie Anthony Gonzalez von M83 den Soundtrack für "Oblivion" macht sondern, dass ganz allgemein die Rolle des Sounds im Film gewachsen ist.

Science-Fiction-Filme haben überhaupt nichts mit Elektronischer Musik zu tun. John Williams hat für "Star Wars" noch nie etwas elektronisches komponiert. Und "Clockwork Orange", bei dem Wendy Carlos die Synthesizermusik komponierte, ist für mich auch nicht wirklich ein Science-Fiction-Film. Er handelt im Grunde nur von der heutigen Gesellschaft. Und Leute wie Trent Reznor machen Synthesizermusik für ganz normale Filme wie "The Social Network" oder "Verblendung". Es ist doch so: man kann keine Filmmusik machen, wenn man nicht an ihr aktiv mit seiner Phantasie in der heutigen Welt arbeitet. Aber natürlich gibt es immer wieder gelungene Beispiele für Elektromusik in SF-Filmen. "Tron Legacy" mit dem Soundtrack von Daft Punk ist so ein Beispiel. Aber der Sound ist wichtig, da haben Sie recht. Über den Sound, egal ob Grundsound oder Spezialeffekte, kann ein ganzen Film getragen werden. Ich habe gerade "Zero Dark Thirty" gesehen, ein Film, der nahezu ohne Musik auskommt, aber beeindruckende Soundeffekte hat. Einzigartige Klangbilder sind das.

Wie beeinflußt Ihrer Meinung nach Elektromusik unsere gegenwärtige Zeit?

Auf vielfältigtse Weise. Der eine Mensch konsumiert sie, ohne nachzudenken. Einen anderen bringt sie in gute Stimmung. Ein dritter will so etwas auch machen können und da gibt es heute ja so viele Möglichleiten dazu. Über DJ Konsolen und PCs, ganz traditionell über Keyboardunterricht, via iPhone und iPad. Als ich zehn Jahre alt war, habe ich den Mond über die Mondlandungen der Amerikaner kennen gelernt. Später den Mars durch die Landung der Viking-Lander. Wenn man erwachsen wird, beschließt man die Welt zu entdecken, daran mitzubauen. Auf den Mond oder den Mars zu gelangen war mir unmöglich, aber einen Synthesizer zu bauen, das ging gerade noch so.

Weshalb waren Sie auf der "Star Wars Celebration"?

Um die Helden meiner Jugend zu treffen, Carrie Fisher, Mark Hamill. Und natürlich Ben Burtt, den Sound Guru hinter allen "Star Wars"-Filmen. Ich hatte ein "Meet-And-Greed" mit ihm. Das ist einer, der hatte Sound-Visionen, lange bevor Hollywood es bemerkte. "Star Wars" Episode IV lief doch blendend, brachte Millionen von Dollar ein. Aber auf den Sound von Filmen hat man sich erst Jahre später konzentriert, obwohl das Publikum für gute Ideen immer offen war und es auch heute noch ist. THX von George Lucas wäre ohne Ben Burt wohl niemals so geworden und hätte Dolby Surround und andere Sound-Techniken niemals so beeinflusst. Ich bin ja selbst Klangforscher und habe das schon von dreißig Jahren gemacht, als ich kurzzeitig mit Armin Stöwe an dessen "OCTON" System mitarbeiten durfte und trotzdem war da schon Ben Burtt eine Legende.

Sind Sie ein großer "Krieg der Sterne" Fan?

Doch schon. Aber bei weitem nicht so sehr, wie meine älteste Tochter. "Krieg der Sterne" ist natürlich eine Kriegsgeschichte, mit allen Konsequenzen, aber er bereitet großen Spaß, weil Menschen es gerne sehen, wenn etwas in die Luft gesprengt wird, ohne dass wirklich jemand dabei stirbt oder sich weh tut. Außerdem bin ich ein "77er", habe also schon damals Episode IV im Kino gesehen.

Wie kamen die Veranstalter darauf, Sie einzuladen?

Ich denke, das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass ich Musik auf dem iPad und dem iPhone mache, was ja nach wie vor etwas exotisch ist. Oder weil ich mit meinem "Oskar Sala Institut für Klangforschung" mit Leuten soundtechnisch zusammenarbeite, die Videospiele weiterentwickeln. Aber im Grunde habe ich keine Ahnung, weshalb es wirklich dazu kam. Ich habe mich allerdings sehr darüber gefreut...vor allem, als ich mitbekam, wie teuer die Drei-Tages-Tickets waren.

Bauen Sie heute noch Synthesizer?

Bauen im physischen Sinne: Nein. Bauen im konstruktiven Sinne: Ja. Synthesizer Hardware lasse ich mir inzwischen in Großbritannien herstellen in den GDA Labs, aber für "Tone2" zum Beispiel wirke ich auch an der Konstruktion von Software-Synthesizern mit. Nach dem "Saurus" und dem "RayBlaster" setzen Bastiaan van Noord und Markus Krause nun auf "Nemesis" als neue Soundinnovation. Daran arbeite ich derzeit zusammen mit anderen Leuten mit. Man muss immer am Puls der Zeit bleiben und für alles offen sein. Auf dem "Electronic Circus" kann man schon einige "Nemesis"-Sounds erleben, was sehr exklusiv ist, denn der Synthi wird erst Ende des Jahres zu kaufen sein.


Aber braucht man immer neue, andere Synthesizer?

Bräuchte man sie nicht, würden sie die Menschen nicht kaufen. Wenn man derart total von Technik, von Technologien und Computern umgeben ist, wie in der heutigen Zeit und es mittendrin keine Fortentwicklung gibt, dann entsteht in der Seele ein schrecklicher Hunger nach etwas Neuem. Man sagt sich: Da fehlt doch etwas, für mich, für meine Musik - was kann das sein? Die Artikulation dieses Bedürfnisses sieht man in Geräten wie dem iPad und wenn ich etwas dazu beitragen konnte, es als Musikinstrument populärer zu machen, dann freut mich das. Aber Technik ohne Seele ist nichts. Im Spanischen gibt es den Begriff des "El Duende", das ist der Geist, der die Musik durchdringt. Den muss man bei jedem Klanginstrument finden, auch eine Violine ist nichts in den Händen eines Menschen, der sie nicht spielen kann.

Was bringen Sie zum "Electronic Circus" an Geräten mit?

Ich habe meine iPhones und iPads dabei, außerdem die Software-Synthis von Tone2, an denen ich mitgearbeitet habe, dann das Phototron, ein Soundmodul aus den GDA Labs und außerdem etwas ganz Besonderes aus dem Hause Waldorf, was es nur ein einziges Mal auf der Welt gibt. Einen Prototyp mit der Seriennummer 00001. Lassen Sie sich überraschen.

Wie weit sind Sie mit Ihren neuen Musikalben. Ich hörte, dass es eine Trilogie geben soll? 

"MOODS" ist fertig und ich habe bereits die ersten CD-Exemplare auf der "Star Wars Celebration" weitergegeben. Beim "Electronic Circus" kann man für 20 Euro schon eine exklusive "DeLuxe Edition" kaufen, aber das Album selbst erscheint erst im Dezember 2013 offiziell. In Kürze beginnt die Arbeit am zweiten Album "LEAVES", das im Herbst nächsten Jahres veröffentlicht wird und 2015 folgt mit "CATS" der letzte Teil der Trilogie. Im Moment habe ich noch ein Angebot, an einem Album über Musik zu Kurzgeschichten des unlängst verstorbenen SF-Autors Ray Bradbury mitzuwirken und ich selbst plane für das nächste Jahr ein Projekt mit einigen deutschen Elektromusik-Legenden, zu dem ich aber noch nicht viel sagen möchte.

Für die Fans Ihrer früheren Band VELVET UNIVERSE gab es vor einigen Wochen auch gute Nachrichten. Es hieß, es solle ein neues Album geben.

Ich sagte vor einigen Jahren, dass zukünftige Projekte von VELVET UNIVERSE eher unwahrscheinlich wären. Inzwischen hat Thomas Kapke, mein früherer Partner, wieder Kontakt mit mir aufgenommen und ich habe nicht mehr das Gefühl, dass wir aneinander vorbei denken, was musikalische Ebenen betrifft. Es ist immer gut, sich eine Zeit lang zu trennen und verschiedene Dinge auszuprobieren. Das heißt ja nicht,  dass eine Sache für immer und ewig weggepackt werden muss. Also halte ich es heute nicht mehr für unwahrscheinlich, dass er auf der neuen Platte "Return To The Universe" zu hören sein wird. Es ist doch so: Wir haben in den 1980er Jahren viel gemeinsam gemacht, aber dann - wie das in vielen Bands der Fall ist - gingen wir getrennte Wege. Nahezu  jeder hat das schon einmal getan. Und machmal kommt man auch wieder zusammen. Erst einmal kann man ab Oktober aber das erste VU-Vinylalbum "Voyager" von 1981 wieder kaufen, frisch gepresst sozusagen, und dazu gibt es als "Special Edition" auch noch die CD-Remaster-Version mit dazu. Beim "Electronic Circus" biete ich das Paket zum Sonderpreis von 25 Euro an. Mal sehen, wie es ankommt.

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